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Mensch werden - Mensch bleiben

Stephanie Kaut, 20.12.2020

Mensch werden - Mensch bleiben

„Ich bin blind, aber ich sehe; ich bin taub, aber ich höre.“

Liebe Gemeinde,

„Mensch bleiben – allem zum Trotz“. Unter diesem Motto steht in diesem Jahr die Predigtreihe in der Dreifaltigkeitsgemeinde. Als ich das Motto erfahren habe, hat es mich spontan angesprochen – und zwar gerade auch „in beruflicher Hinsicht“, in der Seelsorge bei Menschen mit Behinderung

„Mensch bleiben“ – da kommen bei mir gleich einige Fragen hoch: „Wie werde ich Mensch?“ „Wie bleibe ich Mensch?“ „Was macht das Menschsein eigentlich aus?“ Und wer bestimmt, was echtes „Mensch-sein“ ist und was ein Menschenleben „lebenswert“ macht.

„Ich bin blind, aber ich sehe; ich bin taub, aber ich höre.“ – mit diesem Zitat habe ich meine Predigt begonnen, und ich möchte Ihnen jetzt die Frau vorstellen, die das gesagt hat.

Ihr Name ist Helen Keller.

Helen Adams Keller wurde 1880 in Alabama in den USA geboren.

Sie war zunächst ein ganz gesundes Kind, wurde aber im Alter von 19 Monaten schwer krank und verlor als Folge dieser Krankheit ihr Seh- und Hörvermögen. Bald darauf hörte sie auch auf zu sprechen. Infolgedessen hatte sie logischerweise große Schwierigkeiten, sich zu verständlich machen. Das führte zu immer heftigeren Wutanfällen, so dass sich ihre Eltern schließlich völlig verzweifelt um Hilfe für ihre Tochter bemühten.

Im März 1887 kam die 21jährige Lehrerin Anne Sullivan  zur Familie Keller. Sie hatte Erfahrung mit einer besonderen Art der Kommunikation für taubblinde Menschen. Diese „Sprache“ war ein Fingeralphabet, das in die Handfläche buchstabiert wurde. Anne Sullivan ließ Helen Gegenstände berühren und buchstabierte ihr dann deren Namen gleichzeitig in die Hand. Diesen Zusammenhang verstand Helen zum ersten Mal im Garten an einer Pumpe bei dem Wort „water" (Wasser).

Mit unendlicher Geduld brachte Anne Sullivan der kleinen Helen so die Sprache und später auch die Blindenschrift bei. Auch das Schreiben auf einer speziellen Schreibmaschine erlernte Helen Keller, später sogar das Sprechen, indem sie ihre Finger auf den Kehlkopf ihrer Lehrerin legte, um dabei die Bewegungen wahrzunehmen.

Helen Keller erwies sich als intelligente junge Frau – sie besuchte das College und schloss mit Auszeichnung ab. Danach startete sich eine über 40-jährige Karriere als Lobbyistin für eine bessere, gerechtere Welt.

Ihr Engagement galt aber nicht nur den Menschen mit einer Sinnesbehinderung. So setzte Helen Keller sich etwa für die Recht von Farbigen ein, befasste sich mit dem Aufkommen des Faschismus in Europa, später sogar mit der Atomkraft. Ab den Vierzigerjahren reiste sie viel, hielt Reden in fast 40 Ländern. Ihr Engagement wurde mit mehreren Ehrendoktorwürden geehrt, etwa von der Harvard-Universität. Sie starb am 1. Juni 1968.

Helen Keller – eine Frau, die trotz größter Einschränkungen „Mensch geblieben ist“. Die allerdings überhaupt erst einmal Mensch WERDEN durfte. Einer der Gedanken, die mir im Zusammenhang mit unserer Predigtreihe kamen, war die Frage der Pränataldiagnostik. Immer genauer wird bereits vor der Geburt geschaut, ob es dem Kind gut geht – und bei Auffälligkeiten, ja dann …

Bereits 2015 erschien in Dänemark der Dokumentarfilm „Tod des Down“, der sich damit befasst, dass die Anzahl der Geburten von Kindern mit Down Syndrom im Zuge der Pränataldiagnostik deutlich abgenommen hat. Und dabei bleibt eines völlig außer Acht: es können vorgeburtlich zwar Aussagen über eine mögliche Behinderung gemacht werden – nicht aber darüber, wie sich die Behinderung auswirkt, wie sich der oder die Betroffene tatsächlich entwickelt.

Um noch einmal das Beispiel vom Down-Syndrom aufzugreifen, möchte ich ihnen noch jemanden kurz vorstellen: Pablo Pinedo. Er wurde 1974 in Malaga in Spanien geboren. Er ist Lehrer für pädagogische Psychologie, Schauspieler, Autor, hat seinen Abschluss an einer Universität gemacht. Und er hat das Down-Syndrom. Selbstverständlich sind die Ausprägungen bei Behinderungen verschieden, bei jedem einzigartig. Aber so ist es doch auch bei uns Nichtbehinderten – nicht jeder ist ein Intelligenzbolzen wie Albert Einstein oder ein Supersportler wie Michael Jordan. Ja, und wenn jemand tatsächlich eine schwere Beeinträchtigung hat? Immer wieder wird gerade bei Menschen mit schwerster Behinderung angezweifelt, ob ihr Leben „Lebensqualität“ hat, ob es „lebenswert“ sei und ihnen somit quasi das „Menschsein“ abgesprochen. Wenn wir aber jeden einzelnen Menschen als Geschöpf Gottes verstehen, wie können wir darüber urteilen?

Definitv: ohne eine Helen Keller, oder auch einen Steven Hawking, aber auch ganz einfach einen Stefan, einen Hannes oder eine Nina wäre unsere Welt ärmer und weniger vielfältig und bunt.

Das waren jetzt eher theoretische Überlegungen. Ein „Leben mit Behinderung“ birgt aber auch ganz praktische Probleme. Oft habe ich von Betroffenen die Aussage gehört „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert“. Das Alltagsleben von Menschen mit Behinderung ist oft mit Schwierigkeiten und Kämpfen verbunden. Und zwar Barrieren im doppelten Sinne: zum einen in den Köpfen der Mitmenschen, aber auch ganz konkret, zum Beispiel an Treppen und in Gebäuden.

Ein Rückblick auf unser Evangelium zeigt uns, wie es anders sein kann:

Zunächst einmal ganz grundsätzlich: Jesus geht auf den blinden Mann zu, ohne jegliche Vorurteile oder Berührungsängste. Schon das wäre in unserer Gesellschaft ein großer Schritt in Sachen Inklusion!

Und Jesus redet direkt mit dem Mann. Eine Erfahrung, die Menschen mit Behinderung leider oft machen müssen, ist, dass in ihrer Anwesenheit nicht mit ihnen, sondern z.B. mit ihren Begleitpersonen gesprochen wird. Der Mensch mit Behinderung wird einfach von vorneherein nicht für voll genommen.

Nicht so bei Jesus. Er begegnet dem Mann sozusagen auf Augenhöhe. Bei ihm kann der Mann selbst „Mensch bleiben“.

Und Jesus handelt. Er sieht die Not des Mannes und wird aktiv. Und vor allem: er schaut hierbei nicht zuerst auf die starren religiösen Rechtsvorschriften seiner Zeit, oder hört auf die mahnenden Stimmen der besserwisserischen Gesetzeslehrer. Nicht das, was „nicht geht“, steht im Vordergrund, sondern das, was Jesus tun kann, tut er. Er handelt nicht nach stur Vorschrift und Gesetz, sondern aus dem Herzen heraus.

Unser Evangelium sagt über die Gesetzeslehrer, die ein solches Handeln nicht nachvollziehen können „Diese Menschen sind in ihrem Herzen blind.“

Das erinnert an das bekannte Zitat aus dem „Kleinen Prinzen“ von Antonie de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Die wesentlichen Dinge sind für die Augen unsichtbar.“

Interessanterweise hat Helen Keller, unsere heutige Leitfigur, es ganz ähnlich formuliert, inspiriert durch ihre Lehrerin. Sie sagte: „Die besten und schönsten Dinge auf der Welt kann man weder sehen noch hören. Man muss sie mit dem Herzen fühlen. “

 

Liebe Gemeinde,

„Mensch bleiben – allem zum Trotz“. Im Evangelium zeigt uns Jesus durch sein Reden und Handeln, wie es ganz grundsätzlich gehen kann, dass ein Mensch Mensch bleibt, allem zum Trotz.

Helen Keller hat gezeigt, dass sie trotz schwerster Behinderung „Mensch geblieben“ ist und durch ihr Menschsein andere inspiriert hat.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch ein weiteres Zitat von Helen Keller mitgeben. Sie sagte: „Wenn sich eine Tür zum Glück schließt, öffnet sich eine andere; doch wir betrachten oft so lange die geschlossene Tür, dass wir diejenige übersehen, die sich für uns geöffnet hat.“

Ich wünsche Ihnen, dass Sie für sich im Advent viele geöffnete Türen entdecken können.

Amen.

© Beate Vallendor, 2020, Seelsorgerin für Menschen mit Behinderung

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